Energica Experia Green Tourer

Der italienische Elektromotorrad-Hersteller Energica aus Modena hat Ende Juli seine neueste Entwicklung, das Tourenmotorrad Experia, auch in Deutschland offiziell vorgestellt und gleichzeitig seinen Beitritt im Bundesverband eMobilität, kurz BEM (www.bem-ev.de) verkündet. Im Münchener Werksviertel betreibt der fränkische Auto- und E-Motorradhändler Richter+Zech unter seiner eigenen Marke Electric Horses einen kleinen Showroom mit Elektromotorrädern und war als einer der größten Energica-Händler Deutschlands Gastgeber der Premierenveranstaltung, in deren Rahmen ausgewählte Personen auch die Gelegenheit hatten, die neue Energica Experia auf einer kurzen Testrunde zu erleben. Mit der größten, jemals in einem Serien-Motorrad verbauten Antriebsbatterie (22,5 kWh Kapazität, davon 19,6 kWh nutzbar), ist je nach Fahrweise eine praktische Reichweite von 200 bis 260 km möglich. Der E-Tourer, der vom Konzept mit einer BMW F900XR oder Yamaha Tracer9 GT vergleichbar ist, kommt in einer ab Herbst lieferbaren Launch-Edition inkl. drei Koffern zum Preis von rund 30.000 € auf den Markt. Auf meiner kurzen Probefahrt im Münchener Umland wusste die maximal 126 kW starke und zugunsten von größerer Reichweite auf 115 Nm drehmomentreduzierte Experia (Eva Ribelle 215 NM!) dennoch vor allem durch ihren obszön heftigen Antritt aus nahezu jeder Geschwindigkeit zu gefallen.

Fallert Achern Team
Fallert Achern Team
Fallert Achern Team
Fallert Achern Team
Den Drehmomentnachteil des Motors im Vergleich zum Nakedbike Eva Ribelle kaschiert die Experia mit einer kürzeren Übersetzung, da die Endgeschwindigkeit sowieso bei völlig ausreichenden 180 km/h abgeriegelt ist. Mit dem für ein Elektro-Reisemotorrad akzeptablen Gewicht von 260 kg und dem neuen, kompakteren Motor präsentiert sich die Experia überraschend wendig und handlich, lässt damit größere Reiseenduros oder Tourer schon fast behäbig wirken. Dank des jederzeit abrufbaren Drehmoments des E-Motors zieht man als Experia-Pilot mühelos Überholvorgänge durch, ohne wie beim Verbrenner vorher mehrere Gänge herunterschalten zu müssen. Wie bei allen E-Motorrädern gibt es eine fixe Übersetzung ohne Kupplung. Einziger Haken ist das geradverzahnte Reduktionsgetriebe zwischen Motor und Endantrieb (Kette), welches die Drehzahl des Motors halbiert und für das Energica-typische Singen bzw. Pfeifen beim Bremsen oder Beschleunigen verantwortlich ist. Hier sind z. B . die Fahrzeuge von Zero ohne dieses Getriebe und mit Zahnriemen statt Kette im direkten Vergleich leiser. Außerorts fällt dies jedoch kaum noch ins Gewicht, da die restlichen Fahr- und Windgeräusche dann überwiegen. Die Experia kann entweder mit 3 kW Wechselstrom (AC) per Typ 2 Ladestecker oder per schnellem Gleichstromlader (max. 24 kW Peak) über die CCS-Ladebuchse (rechts unterhalb der Sitzbank) geladen werden. Per Schnellladung ist die Experia in rund 40 Minuten wieder bei 80 % Ladezustand. Im Cockpit dominiert ein großes 5 Zoll TFT-Display, welches allerlei Informationen bietet und die Auswahl bzw. Konfiguration der vier vorgegebenen sowie der drei frei definierbaren Fahrprofile erleichtert. So können  Ansprechverhalten von Motor, Rekuperation und Traktionskontrolle in drei freien Profilen beliebig kombiniert werden. Die mechanisch in der Höhe verstellbare Verkleidungsscheibe bietet ausreichend Windschutz, könnte aber etwas breiter sein, doch hier werden Zubehöranbieter oder Energica selbst sicher Abhilfe schaffen.
Sehr ordentlich präsentiert sich auf jeden Fall die Bremsanlage von Brembo, die energisch verzögert, wenn die Rekuperationsverzögerung nicht ausreicht. Die Experia ist auch optisch ein sehr gelungenes Modell und könnte andere, größere Hersteller ermutigen, einen ersten Schritt in den Markt für Elektromotorräder zu machen. Energica hat mit der neuen Experia im Markt für elektrische Tourenmotorräder definitiv stark vorgelegt.

Text: Gregor Schinner; Fotos: Gregor Schinner und Energica