Reise-Enduro auf Speed
Von Gregor Schinner • zweirad-online.de
Rezept zum Bau der Enduro Veloce: Man nehme ein Endurofahrwerk, spendiere große Federwege und ein 21 Zoll-Vorderrad, biege dann aber doch wieder hart in Richtung Straße ab und verbaue einen hochdrehenden 3-Zylinder Sportmotor mit Quickshifter. Stülpe dann noch Straßenreifen auf die Excel-Drahtspeichenfelgen: Tadaaa – fertig ist die High-Performance-Race-Enduro für den Straßeneinsatz. Ob es sich so zugetragen hat, ist reine Spekulation. Doch die Zusammenstellung dieser MV Agusta, die wir für einen kurzen Fahrbericht von der Firma Dippold in Untersiemau übernommen hatten, ist schon besonders.
Mit 210 mm Federweg vorn wie hinten und einer Bodenfreiheit von mindestens 230 mm hat die Enduro Veloce das Zeug, auch im groben Gelände zu bestehen. Die Bridgestone Battlax Adventure Reifen mit geringem Negativanteil im Profil sind allerdings eher auf geteerten Straßen zuhause. Dort wütet die MV dafür umso heftiger, was vor allem an dem gerade einmal 57 kg leichten Kraftwürfel unterhalb des Fahrers liegt. Der 3-Zylinder Reihenmotor mit 931 ccm Hubraum liefert 124 PS Spitzenleistung bei 10.000 U/min und ist mit einer gegenläufig rotierenden Kurbelwelle ausgestattet, die damit die Kreiselkräfte des Vorderrades ausgleichen soll.
Ob diese Rechnung aufgeht, lässt sich natürlich schwer sagen, doch die Handlichkeit der Enduro Veloce ist trotz des großen Vorderrades schon enorm. Ohne besonderen Kraftaufwand lässt sie sich auch bei flotter Fahrt durch engste Kehren dirigieren, deren oft rumpeliger Straßenbelag vom voll einstellbaren Sachs-Fahrwerk niedergebügelt wird und kaum zum Fahrer durchdringt.

Riesiges 7-Zoll Display mit gewaltiger Informationsflut. Zum Starten reicht dank Keyless-System der Schlüssel in der Jackentasche.

Der Dreizylindermotor wiegt nur schlanke 57 kg.

Riesiges 7-Zoll Display mit gewaltiger Informationsflut. Zum Starten reicht dank Keyless-System der Schlüssel in der Jackentasche.

Der Dreizylindermotor wiegt nur schlanke 57 kg.
Dank des serienmäßigen Quickshifters lässt sich der Triple vor allem im Geschwindigkeitsbereich nahe und über der außerörtlichen Legalität gut bei Laune halten und brennt ab 6.000 U/min ein regelrechtes Feuerwerk ab, das man von so einer stattlichen Reiseenduro eigentlich nicht erwartet hätte. Im unteren Drehzahlbereich wiederum ist dann gerade an engen Stellen Schaltarbeit gefragt, weil es dort etwas an Power und Hubraum fehlt – der Triple will gedreht werden. Für standesgemäße Akustik sorgt der – allerdings optionale – Termignoni Endschalldämpfer, der auf längeren Touren aber durchaus die Ohren des Fahrers strapaziert.
Eingefangen wird die MV von einer vorderen Doppelscheibenbremse mit 320 mm großen Stahlscheiben und radial verschraubten Brembo Vierkolbenzangen, hinten kommt eine Anlage mit 265 mm Single-Scheibe und Zweikolbensattel zum Einsatz. Dosierung und Wirkung sind tadellos und zwingen die Vorderradgabel beim Ankern ordentlich in die Knie. Die Bremse ist natürlich ABS-geregelt, die elektronische Traktionskontrolle stellt acht Stufen zur Verfügung, dazu sind vier verschiedene Motormappings wählbar. Selbstverständlich berücksichtigt die IMU (inertiale Messeinheit) bei allen Regelungen die Beschleunigung um alle Achsen sowie die Schräglage („Kurven-ABS“).
Davon abgesehen bietet die MV im Cockpit allerlei Annehmlichkeiten. Das große 7 Zoll TFT Cockpit ist komplett ausgestattet, versorgt den Fahrer mit vielerlei Informationen und stellt verschiedene Designs zur Verfügung, die auch eine Anzeige der G-Kräfte und der erreichten Schräglage beinhaltet. Die Bedienung gelingt nach etwas Übung über den Joystick an der linken Lenkerarmatur. Serienmäßig an Bord ist auch ein Tempomat. Das eigene Navi oder eine Smartphone-Halterung lässt sich easy an der oberhalb des Cockpits angebrachten Montagestange befestigen – ein smartes Gimmick. Ebenso smart ist die Sitzbank, die sich mit Werkzeug von 870 auf 850 mm Sitzhöhe umbauen lässt.

Die Enduro Veloce kommt für eine Reiseenduro sehr sportlich und leichtfüßig daher.
Auch der Komfort kommt bei der Enduro Veloce nicht zu kurz. Das zweiteilige, allerdings nicht einstellbare Windschild hält den Fahrtwind fast vollständig vom Fahrer fern, die Sitzbank ist mit einem hochwertigen Bezug bestückt und damit auch für lange Touren weder zu weich noch zu hart. Der Funkzündschlüssel darf in der Jackentasche bleiben – die Zündung wird per Knopfdruck aktiviert. Der Verbrauch ist mit 5,6 Litern je 100 km weder besonders sparsam noch exorbitant hoch, mit dem ordentlichen Tankvolumen von 20 Litern steht der Fernreise nichts im Wege.
Ob man nun einen so tollwütigen Motor mit einem Endurofahrwerk kombinieren muss, sei dahingestellt. MV Agusta kann es und wird sicher auch Kunden finden, welche genau diese Kombination lieben. 22.000 € sind beim Kauf einer neuen MV Agusta Enduro Veloce fällig, knapp 30.000 € kostet dagegen das limitierte Sondermodell Enduro LXP Orioli, welches mit grobstolliger Bereifung, einiger Zusatzausstattung und dem legendären Lucky Explorer Design glänzt.
Fotos: Gregor Schinner • zweirad-online.de