Gipfel der Berge ragen majestätisch empor, Straßen winden sich durch Täler und gewähren atemberaubende Aussichten. Motorradfahren im Tiroler Oberland ist nicht nur eine Fortbewegungsart, sondern eine leidenschaftliche Reise durch die Schönheit der landschaft in dieser außerordentlich malerischen Region.
Das Tiroler Oberland, der westliche Teil des österreichischen Bundeslandes Tirol, ist mit seinen drei schmucken Kleinstädten Imst, Landeck und Telfs, ein wahres Paradies für Motorradfahrer. Pillerhöhe, Hahntennjoch, Namlostal und Fernpass mit fantastischem Blick auf die Zugspitze lassen sich an einem einzigen Tag mühelos erfahren. Für die hier vorgestellte 180 Kilometer lange Tour sollte man mindestens sechs Stunden einplanen, da sie mit spektakulären Aussichten und diversen Sehenswürdigkeiten gespickt ist.
Ich starte vom MoHo Motorrad-Hotel Lenz in See am Beginn des Paznauntals, westlich von Landeck gelegen. Auf der Strecke, die ich geplant habe, liegen mit Hahntenjoch und Namlostal Regionen, die mit Motorrädern über 95 dB Standgeräusch nicht befahren werden sollten. Wer diese Strecke mit einem „lauteren“ Motorrad befährt, wird mit bis zu 220 Euro zur Kasse gebeten und muss stante pede umkehren – eine Weiterfahrt zu einem geplanten Ziel (Hotel oder Pass) wird untersagt. Größere Umwege müssen dann unter Umständen in Kauf genommen werden. Um es vorweg zu nehmen: die Wahrscheinlichkeit kontrolliert zu werden liegt bei nahezu 100 %, denn die österreichische Rennleitung ist dahingehend gut aufgestellt. Mit meiner Honda komme ich mit eingetragenen 93 dB aber locker durch.
Ich starte nach einem ausgiebigen Frühstück meine Tour in Richtung Landeck. Dem hoch über der Stadt thronenden Schloss Landeck würdige ich nur einen kurzen Blick – das Schloss werde ich mir bei schöneren Lichtverhältnissen auf dem Rückweg genauer anschauen. In Landeck biege ich rechts ab nach Fließ, um nach einigen Kilometern die Pillerhöhe zu erreichen. Doch die Fahrt zu Pillerhöhe gestaltet sich schwierig. In Fließ ist die Straße aufgerissen, neuer Asphalt soll gelegt werden. Eine Umleitung ist nur spärlich und extrem verwirrend eingerichtet. Also erstmal anhalten und Google Maps zu Rate ziehen. Laut Google Maps führt eine Abkürzung über einen Wertstoffhof auf eine weiter oben gelegene Straße. Die Abkürzung ist sehr steil und ohne Asphalt. Egal, ich fahre jetzt da hoch! Oben angekommen versperren mir Baustellenzäune den Weg. Hier ist mit dem Motorrad kein Durchkommen. Bleibt mir nur, den gleichen Weg wieder zurückzufahren – es ist aber eher ein vorsichtiges Zurückrollen. Beim unten liegenden Recyclinghof bemerkt ein Mitarbeiter mein ratloses Gesicht, sieht mein Nummernschild am Motorrad und wir kommen ins Gespräch. „Die Freiburger Ecke, eine sehr schöne Gegend“, sagt er und er sei schon öfter dort gewesen. Wir unterhalten uns ein paar Minuten und er gibt mir den entscheidenden, ultimativen Tipp, wie ich am besten und am schnellsten die Pillerhöhe erreiche: in ca. einem Kilometer geht links eine Stichstraße ab, die führt auf die Passstraße zur Pillerhöhe. Sie ist aber nicht befestigt und hat eher Wanderweg-Charakter, aber – so sagt der nette Herr zu mir – da fahren alle hoch. Also gibt es schon die zweite Offroad-Einlage des Tages und das gerade mal innerhalb einer halben Stunde. Um es vorweg zu nehmen, es war auch die letzte.
Die Pillerhöhe erreiche ich nach ein paar schönen, geschwungenen Kurven. Mein Altimeter zeigt 1.559 Meter an. Die Passhöhe der Pillerhöhe, manche sagen auch Piller Sattel, ist an sich unspektakulär. Aber, unweit der Passhöhe befindet sich eine langgezogene Aussichtsplattform mit imposantem Blick auf das obere Inntal – der sogenannte Gacher Blick. Vom Parkplatz aus geht es über einen kurzen, kurvigen Wanderpfad auf die Plattform. Unterhalb der Aussichtsplattform, direkt an einem steil abfallenden Grat, werden eifrig Preiselbeeren gesammelt. Die Preiselbeere heißt in Tirol Kreuzbeer und passt gut zu Kässpätzle oder auch zu Wildgerichten.

Umfahrung mit zwei Optionen: Entweder eine riesige Umleitung fahren oder eine unbefestigte Stichstraße. Ich wähle Option zwei.

Sie haben Ihr Ziel (endlich) erreicht: die Pillerhöhe ist aus drei Himmelsrichtungen anfahrbar.

Beim Gacher Blick unweit der Pillerhöhe liegt mir das obere Inntal zu Füßen.

Entspannt und meditativ: Preiselbeeren ernten am Gacher Blick.

Grandioser Blick ins Tal: Der Gacher Blick unweit der Pillerhöhe lässt tief blicken.

Die Wallfahrtskirche Maria Schnee in Bschlabs.
Meine nächste Haltestelle ist das Hahntennjoch. Von der Pillerhöhe bis Imst, wo die Passstraße zum Hahntennjoch beginnt, sind es rund 20 Kilometer. Kurz hinter Imst wird meine Fahrt durch eine rote Kelle unterbrochen. Aha, Fahrzeugkontrolle. Ich lasse die Fahrzeugkontrolle gelassen über mich ergehen. Ein kurzer Blick des Polizisten in den Fahrzeugschein, Punkt U.1, ein Nicken und ein „Gute Weiterfahrt!“ – damit habe ich das Ticket zur Auffahrt zum Hahntennjoch gelöst. Die Bschlaber Landesstraße wartet mit glattem Asphalt, sanft geschwungenen Kurven und ein paar Serpentinen auf – links der Strecke steil aufragende Felswände, rechts tiefe Täler. Kleinere Haltebuchten für kurze Fotostopps gibt es genug. In manchen uneinsehbaren Kurven sollte man besonders vorsichtig fahren. Busse und PKWs, die die Kurven wegen der steilen Felswände schneiden sind hier keine Seltenheit. Auf der Passhöhe angekommen, scheint der erste Parkplatz für die Motorräder reserviert zu sein. Aufgreiht wie an einer Perlenschnur stehen Motorräder der unterschiedlichsten Marken nebeneinander. In einem kleinen mobilen Kiosk kann man sich mit kühlen Getränken und einem kleinen Snack versorgen. Am Straßenrand wünscht der ÖAMTC – in Deutschland ist das der ADAC – gute Fahrt. Vielen Dank!
Mein nächste Ziel ist das Namlostal. Es liegen rund 10 Kilometer Abfahrt vor mir. In Bschlabs zwingt mich die Wallfahrtskirche Maria Schnee zu einem kurzen Stopp. Die Kirche wurde Mitte des 17. Jahrhunderts als Kapelle erbaut und Anfang des 18. Jahrhunderts vergrößert. Schön anzusehen ist die charakteristische Zwiebelhaube des Glockenturms. Bschlabs selbst liegt auf 1.300 Metern und hat gerade mal rund 80 Einwohner. Ich fahre durch Elmen, einem weiteren kleinen Dorf mit etwa 390 Einwohnern. Kurze Erfrischung gefällig? Am nordöstlichen Ortsende liegt der Wasserfall Edelbach – in nur fünf Minuten zu Fuß zu erreichen.

Schilderbatterie auf der Passhöhe des Hahntennjochs. Die beiden oberen gelten nur für Motorräder, warum auch immer.

Wie an der Perlenschnur aufgezogen stehen am Hahntennjoch die Motorräder.
Nach wenigen Kilometern zweigt in Stanzach die Straße rechts ab. Ich befinde mich jetzt auf der Namloser Landstraße. Die Strecke durch das Namlostal hat Suchtfaktor. Kaum ist eine Linkskurve durchfahren, folgt sogleich eine Rechtskurve – und das fast fortwährend auf der ganzen Strecke. Zwischen Stanzach und Bichlbach lässt es sich demnach zügig durch eine sanfte Kurventopografie wedeln. Hier und da finden sich kreisrunde Markierungen an der Mittellinie. Das muss ich mir näher anschauen, sind diese Markierungen doch dafür da, uns Motorradfahrenden die richtige Kurvenlinie zu zeigen. Auf einer kleinen Anhöhe parke ich die Honda und beobachte eine Weile die durchfahrenden Motorradfahrer. Was soll ich sagen? 80 % derer, die die Kurve durchfahren, haben keinen blassen Schimmer, für was die Kreise sind und fahren komplett drüber.

Diese Kreise auf der Fahrbahn sieht man in Tirol öfter. Sie zeigen uns Motorradfahrern die beste Kurvenlinie. Auch ohne die Kreise ist die Kurvenlinie des Fahrers auf dem Foto suboptimal.

Touri-Foto gefällig? Ein Kilometer unterhalb der Passhöhe des Fernpasses darf die Zugspitze eingerahmt fotografiert werden.
In Bichlbach geht es rechts ab Richtung Fernpass. Die Fernpassstraße ist sehr gut ausgebaut. Die ersten Kilometer führen schnurstraks geradeaus bis die kleinen Seen, Mitter- und Weißensee, erreicht werden. Von da an darf ich mich wieder auf einen kurvigen Streckenabschnitt freuen. Einen Kilometer unterhalb der Passhöhe des Fernpasses liegt der Blindsee. Hier lege ich einen längerer Stopp ein. Grund ist zum einen die Möglichkeit, mich im Rasthaus Zugspitzblick zu stärken, zum anderen gibt es direkt am Rasthaus einen einzigartigen Blick auf die Zugspitze. An diesem Tag herrscht klare Sicht auf Deutschlands höchsten Berg. Für Erinnerungsfotos wurde hier ein großer Bilderrahmen aufgestellt. Das Fotomotiv nutze ich natürlich auch für ein echtes Touri-Erinnerungsfoto – wenn ich schon mal da bin.

Schloss Landeck, Ende des 13. Jahrhunderts erbaut, mit Museum und Galerie.

Über die historische Trisannabrücke fährt heute die Arlbergbahn.
Auf der Fahrt zurück zum Hotel über Nassereith, Imst und Landeck halte ich, wie am Vormittag von mir entschieden, in Landeck an: das Schloss Landeck darf bei dieser Tour nicht fehlen. Das Schloss Landeck wurde Ende des 13. Jahrhunderts errichtet. Im Innern ist ein Museum und eine Kunstgalerie installiert. Das Museum zeigt die durchaus wechselhafte Geschichte des Tiroler Oberlandes. In der Galerie kann man die zeitgenössische Kunst zahlreicher Künstler des Tiroler Oberlandes betrachten.
Auf halbem Weg zwischen Landeck und dem Hotel Lenz fahre ich unter einer der schönsten Brücken Österreichs hindurch. Die Trisannabrücke, eine Eisenbahnbrücke der Arlbergbahn, mit dem weiter oben gelegenen Schloss Wiesberg (in privatem Besitz), fasziniert mich immer wieder.
Wieder im Hotel Lenz angekommen, geht ein ereignisreicher Tag zu Ende. Den ganzen Tag war ich mit schönstem Motorradwetter gesegnet. Jetzt am Abend beim wöchentlichen Barbecue im Lenz geht ein kräftiges Gewitter herunter – wegen mir hätte das Gewitter ruhig noch etwas warten können.
Fakten zur Tour
Länge: 180 Kilometer
Kalkulierte Fahrtzeit ohne Pausen und Besichtigungen: 3 Stunden
Calimoto-Kurvenlevel: 102
Tankstellen-Infrastruktur: Sehr gut
Kioske und/oder Wirtshäuser:
mobiler Kiosk auf der Passhöhe Hahntennjoch (sporadisch im Sommer),
Restaurants oder Wirtshäuser an den meisten touristisch belebten Orten
Empfohlene Reisezeit:
Anfang Juni – Mitte September

Die Route durchs Tiroler Oberland.
Die bmm-Hotelempfehlung
Der Lenz • Au 171 • 6553 See, Paznaun
Inhabergeführtes Motorradhotel mit erstklassigem Angebot für Motorradfahrer; MoHo-klassifiziert mit 4 Helmen; Übernachtung mit reichhaltigem Frühstücksbuffet; optionale 3-Gänge Halbpension oder à la carte; gemütliche Zimmer im Oberland-Stil; große, teils überdachte Terrasse; Parkplatz für Motorräder im hoteleigenen Carport. Tourziele sind neben der hier vorgestellten Tour Kühtai, Kaunertaler Gletscherstraße, Reschenpass, Timmelsjoch, Silvretta, Arlberg. MoHo Tourenkarte inklusive Merchandising bei Buchung über MoHo.
www.hotel-lenz.at
www.moho.info
Fotos: Guido Schmidt
Über den AUTOR

Guido Schmidt
Inhaber und Verleger des bmm.
Fährt privat eine Honda CB 1100 RS und eine Triumph Rocket 3.
Schreibt überwiegend Reiseberichte, über Regionales, Veranstaltungen und Produkttests.
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