Auf Tuchfühlung mit dem bei Kniebundhosenträgern beliebten Rennsteig. Eine frühherbstliche Motorradwanderung durch den Thüringer Wald unter fachkundiger Begleitung von Johann Wolfgang von Goethe. Sowie ein Ritt über die rauen Höhen des benachbarten Schiefergebirges, entlang der energiegeladenen Oberen Saale und durch das dunkle Schwarzatal.

Der Buchstabe „R“ prägt den Thüringer Wald. Denn das übergroße Schriftzeichen markiert den Verlauf des Rennsteigs, eines historischen Handelsweges, der sich seit dem 14. Jahrhundert von Hörschel bei Eisenach bis nach Blankenstein im Frankenwald über den bis zu 800 Meter hohen Mittelgebirgskamm zieht. Die imaginäre Start- und Ziellinie unserer Tour befindet sich in Neuhaus, der kurioserweise als einziger Ort den Zusatz „am Rennweg“ trägt. Sattgrüne Wälder, schiefergedeckte Häuser und unerwartete Höhenunterschiede bilden erste Eindrücke, als wir auf dem Weg nach Ilmenau die Maschinen von einer Schräglage in die andere wuchten. Doch weil uns die Nähe zum Rennsteig wichtig ist, preschen wir vorher hinauf nach Allzunah, folgen für nur wenige Kilometer dem „R“, um dann auf der B 4 wieder Kurs auf Ilmenau zu nehmen. Auch der im 18. Jahrhundert lebende Goethe prägte die Region: Als persönlicher Referent eines Herzogs hatte das Multitalent das Städtchen aufzusuchen, um Fälle von Brandstiftung, Raub und Misswirtschaft aufzuklären: „Ilmenau hat mir viel Zeit, Mühe und Geld gekostet, dafür habe ich aber auch etwas gelernt und mir eine Anschauung der Natur erworben, die ich um keinen Preis umtauschen möchte“. Durch die großartige Kulisse des stark bewaldeten Mittelgebirges inspiriert, schrieb er Wandrers Nachtlied „Über allen Gipfeln ist Ruh …“ an die Wand einer Schutzhütte am 861 Meter hohen Kickelhahn. Mit dem dumpfen Grollen unserer Motoren zieht uns die gar nicht langweilige B 88 hinaus an den nordöstlichen Rand des Höhenzuges, bis Georgenthal versprühen guter Teer, runde Kurven und tolle Ausblicke Fahrfreude pur. Schon bietet sich die nächste Gelegenheit, dem „R“ zu begegnen: Auf unserem Riesenslalom zieht die „Neue Ausspanne“ am Rennsteig vorbei, dann bildet Floh-Seligenthal unsere Wendemarke, bevor wir in Klein-Schmalkalden urplötzlich in die Eisen steigen, denn am Straßenrand steht die größte Kuhglocke der Welt.

Fallert Achern Team

Bitte dem Buchstaben „R“ folgen: Die gut ausgeschilderte Rennsteigroute verläuft von Hörschel bei Eisenach bis nach Blankenstein im Frankenwald.

Fallert Achern Team

In Gedanken versunken: Der multitalentierte Goethe schien an einem Informationsaustausch mit dem Autor kein Interesse
zu haben.

Fallert Achern Team

Höher, schneller, weiter: In den Wintermonaten tobt rund um die schneesicheren Oberhofer Sprungschanzen der Skizirkus.

Die durch den riesigen Klangkörper hervorgerufenen Schwingungen scheinen sich auch auf den hiesigen Asphalt übertragen zu haben: Biegungen aller Güteklassen lassen uns hinunter nach Friedrichsroda tanzen. Danach nehmen wir von Tabarz aus die spannende Bergstrecke zum Großen Inselsberg in Angriff. Wir wedeln durch unzählige Kurven hinauf, bis wir in 916 Höhenmetern Wetterstation und Sendeturm erreichen. Der alte Goethe war von der fantastischen Aussicht begeistert, als er 1784 zusammen mit dem großherzoglichen Bergrat Voigt hier oben stand. Mehr als „Die Gegend ist herrlich, herrlich“, fiel dem sonst wortgewandten Poeten nicht ein. Vielleicht war er nur außer Atem? Dafür entdeckte er auf der Wanderung, so ganz nebenbei, das nach ihm benannte Mineral „Goethit“. Die sich anschließende Nebenstrecke über Brotterode, durchs Emsetal und Ruhla kommt anfangs wenig vertrauenserweckend daher, mutiert aber zum Trimm-Dich-Pfad ersten Grades, denn auf der mittelstreifenlosen Trasse kommen Hände und Füße nicht zur Ruhe. Leicht schwindelig gefahren, steht eine erholsame Kaffeepause im liebenswerten Bad Liebenstein an. Der am Südwesthang des Thüringer Waldes gelegene, leicht verschlafene Kurort kann dank seiner heilsamen Quellen auf eine lange Tradition zurückblicken. Ein weiteres Relikt aus der guten alten Zeit erregt wenig später unsere Aufmerksamkeit: Unten im Trusetal angekommen, bestaunen wir den imposanten Wasserfall, dessen feuchtes Nass 50 Meter in die Tiefe fällt. Das Spektakel wurde 1865 von geschäftstüchtigen Leuten künstlich angelegt, um Reisende anzulocken. Und das klappt bis heute.

Fallert Achern Team

Als Marketing noch unbekannt war: Der Trusetaler Wasserfall wurde 1865 von cleveren Geschäftsleuten künstlich angelegt, um Reisende anzulocken.

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Mindestprofiltiefe erreicht: Diesen übergroßen Wegweiser zieren unzählige ausgelatschte Wanderstiefel.

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Ein Ufo? Ein Roboter? Ein Zementmischer? Das weiß doch nun wirklich jeder: Ein bodenblasender Sauerstoff-Konverter der Maxhütte!

Fallert Achern Team

Das Richtige für Leichtmatrosen und Badewannenkapitäne: Eine Bootsfahrt auf Deutschlands größter Talsperre, dem Bleilochstausee.

Zu einer gelungenen Tour durch den Thüringer Wald gehört selbstverständlich auch ein Besuch der steilen Oberhofer Sprungschanzen, obwohl im Sommer der Skizirkus mangels Schnee Pause macht. Dagegen hat der Rennsteiggarten Hochsaison: Hier wachsen und gedeihen rund 4.000 Pflanzenarten aus internationalen Gebirgsregionen. Wir wachsen mit dem Rennsteig zusammen, von nun an weichen wir der alten Handelsroute nicht mehr von der Seite. Alles, was des Motorradfahrers Herz erfreut, scheint sich hier zu vereinen: Griffiger Teer, wenig Verkehr, anmachende Biegungen und tolle Panoramen. Der Große Beerberg (983 m), Thüringens höchster Gipfel, liegt hinter uns, als wir am Rennsteigbahnhof die Zündschlüssel ziehen. Der Bau wurde vor rund 100 Jahren notwendig, um die starken Höhenunterschiede auf der Nord-Süd-Strecke auszugleichen und die Dampflokomotiven mit Kohle und Wasser zu versorgen. Die Sonne steht schon tief über dem Horizont, als ihr besonderes Licht einen spontanen Halt auf der Neustädter Höhe fordert und sich vor uns unzählige bewaldete Kuppen ausbreiten. Der Blick auf die Cockpituhr mahnt zum Aufbruch, denn der Rennsteig soll uns noch um die nahe Werraquelle und den Großen Farmdenkopf (869 m) führen. Nicht nur Goethe war vom Thüringer Wald begeistert, auch uns hat er mitten ins Herz getroffen.

Fallert Achern Team

Der Buchstabe „R“ prägt eine Region: Der historische Handelsweg Rennsteig verläuft über den Kamm des Thüringer Waldes.

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Runde Sache: Über 60 Jahre lang drehte sich bei dieser Turbine alles um Wasserkraft und Elektrizität.

Sieben Grad! Lausige sieben Grad zeigt das Cockpitthermometer an, als wir am nächsten Morgen die Motoren starten. Das Frühstück hatten wir bewusst in die Länge gezogen, in der Hoffnung, dass sich der dichte Nebel, der auf dem Kamm des Thüringer Waldes lastet, endlich auflöst. Nach nur wenigen Kilometern Fahrt sind Menschen und Maschinen von einem hauchdünnen Wasserfilm überzogen. In Probstzella biegen wir auf die B 85 ab, die Thüringen und Bayern seit Öffnung des Eisernen Vorhangs verbindet. Kaum im weiß-blauen Freistaat angekommen, verlassen wir die Hauptstraße an der steilen Auffahrt zur Burg Lauenstein, um auf einsamen und verschlungenen Pfaden hinauf zur Thüringer Warte zu preschen. Im Jahre 1963, von der Wiedervereinigung konnte man hüben wie drüben nur träumen, wurde auf dem bayerischen Ratzenberg ein Aussichtsturm erbaut, von dem aus weite Blicke ins Thüringer Schiefergebirge möglich wurden. Weil es hier und heute nichts zu sehen gibt, landen wir schnell wieder auf der B 85, besser bekannt als Bier- und Burgenstraße. Kurs Süd liegt an, bis zum Abzweig in Förtschendorf. Von einer früheren Reise kenne ich die knackige Bergetappe über das bajuwarische Nordhalben ins thüringische Bad Lobenstein, das von einer imposanten Burgruine überragt wird. Die Sonne, bisher nur als silberne Scheibe am grauen Himmel zu erkennen, setzt sich durch, und mit Erreichen der Saale reißen die Wolken auf. Auf ihrem über 400 Kilometer langen Weg aus dem oberfränkischen Fichtelgebirge bis zur Elbe bei Barby in Sachsen-Anhalt wird der Wasserlauf zwischen Blankenstein und Saalfeld zur sogenannten Saalekaskade aufgestaut. Gleich fünf Talsperren speichern auf nur 80 Kilometer Länge riesige Wassermengen zur Energiegewinnung. Die Energie der Sonne wird als angenehme Wärme spürbar, als wir das südliche Ende des Saale-Stausees umrunden und auf der Reußischen Fürstenstraße zum Residenzschloss in Ebersdorf gelangen, einst Wohnsitz der Reichsfürsten von Reuß, lange Zeit Herrscher über das Thüringer Vogtland. Bei Saalburg wechseln wir auf einer aussichtsreichen Brücke aufs östliche Ufer der riesigen Talsperre Bleiloch, um gleich danach der Abzweigung nach Remptendorf zu folgen. Eine äußerst schmale Straße, die Durchfahrtbreite ist auf 2,10 Meter begrenzt, führt uns erst bis an die Staumauer und dann, mit der nötigen Rücksicht auf Wanderer, auch darüber. Die Anwesenheit des dritten Wasserreservoirs, der Talsperre Burgkhammer, können wir nur erahnen, zu dicht ist der dunkle Wald. Was sich aber schlagartig ändert, als wir am hölzernen Saaleturm die Seitenständer heraus klappen. 2011 wurde der schlanke, 36 Meter hohe Aussichtspunkt errichtet, der uns nach fast zweihundert Stufen einen tollen Blick auf die Talsperre und das Schloss Burgk ermöglicht. Als echter Spaßkiller entpuppt sich kurze Zeit später eine Baustellenumleitung, die unser Vorhaben, alle fünf Wasserspeicher anzufahren, wie eine Seifenblase platzen lässt. Asphaltierungsarbeiten zwingen uns in den Norden der Saale.

Fallert Achern Team

Auch unter Tage viel los: Seit rund tausend Jahren führen Schächte und Stollen in den Berg, um Eisenerz und auch Edelmetalle zu fördern.

Fallert Achern Team

Thüringens wohl höchster Bahnhof: Nach dem steilen Anstieg zum Rennsteig wurden hier Dampflokomotiven mit Kohlen und Wasser versorgt.

Dass wir dabei zufällig die Burg Ranis entdecken, verwandelt unseren Frust in Freude, denn die hoch über dem Ort thronende Festung leuchtet äußerst fotogen in der Sonne. Welch gigantische Ausmaße die Saalekaskade hat, wird uns bei der Rückkehr an den Hohenwartestausee deutlich, denn zwischen Linkenmühle und Drognitz pendelt Deutschlands einzige auf einem Wasserspeicher verkehrende Autofähre. Nach wenigen Minuten am südlichen Ufer des „Thüringer Meeres“ angekommen, ist das kurvenreiche Asphaltband dem mäandernden Saalelauf mal mehr, mal weniger dicht auf den Fersen, bis wir über die sanft geschwungene Sperrmauer des Hohenwartestausees nach Kaulsdorf brummen. Mit wachsender Industrialisierung verstärkte sich der Ruf nach elektrischer Energie, Grund für den Bau der Saalekaskade in den 1930er Jahren. Eine andere Form der Energiegewinnung wählten findige Ingenieure im nahen Unterwellenborn: Im Stahlwerk Maxhütte wurden bei der Eisenherstellung anfallende Gase zur Pressluft- und Stromerzeugung genutzt. Als nach 120 Jahren das letzte, glühendheiße Hochofenfeuer erlosch, blieb die riesige, von Weitem sichtbare Gasmaschinenzentrale vom Abriss verschont. Mit der Saale erreichen wir das nahe Bad Blankenburg, hier mündet die Schwarza, nach dem sie eine über 50 Kilometer lange Schlucht verlassen hat. Das windungsreiche Schwarzatal begrenzt das Thüringer Schiefergebirge nach Norden und macht seinem Namen alle Ehre: Dunkel, eng und kalt. Den spektakulären Ausstieg finden wir in Unterweißbach, als wir einen Gang herunterschalten und ordentlich am Griff ziehen müssen, um die enorme Steigung hinauf nach Oberweißbach zu bewältigen. Zum guten Schluss flackert die tiefstehende Sonne durch das Unterholz und zündet lautlose Lichtblitze auf dem dunklen Teer. Von den zahlreichen Eindrücken des Fahrtages erfüllt, stellen wir die Motorräder ins Carport, nicht ahnend, dass am nächsten Morgen nur sechs Grad auf dem Cockpitthermometer angezeigt werden.

Fallert Achern Team

Leuchtendes Wahrzeichen: Burg Ranis mit ihren markanten Giebeln thront seit dem 11. Jahrhundert auf einem Felsen über dem gleichnamigen Ort.

Fallert Achern Team

Dauerbrenner ohne anzubrennen: Ob morgens, mittags oder abends spät, ’ne Thüringer Rostbratwurst ist alles was zählt.

Allgemeines

Im grünen Herzen Deutschlands dehnt sich der lang gezogene Mittelgebirgszug des Thüringer Waldes aus. Von unzähligen Tälern und dunklen Stauseen durchzogen, erreicht das waldreiche Terrain Höhen von bis zu 900 Metern. Das bis zu 800 Meter aufragende Schiefergebirge liegt ebenfalls im Süden Thüringens. Seine Ausdehnung beträgt etwa 75 km in Ost-West-Richtung und 50 km in Nord-Süd-Richtung. Der hier gewonnene Baustoff Schiefer, das „graue Gold“, schützt Fassaden und Dächer vor den Elementen. Beide Regionen verfügen über ein dichtes Straßennetz, das zum Motorradwandern einlädt, wobei enorme Höhenunterschiede und sehr steile Ortsdurchfahrten gemeistert werden müssen. Die Belagqualitäten und Fahrbahnbreiten sind äußerst unterschiedlich. Als kleiner Imbiss zwischendurch empfehlen sich die überall erhältlichen Thüringer Rostbratwürste.

Hoteltipp

Rennsteighotel Herrnberger Hof
Das auf über 800 Meter Höhe gelegene Hotel punktet mit großzügigen Zimmern, einem reichhaltigem Frühstücksbüfett, kostenlosen W-LAN und Unterstellplatz für das geliebte Motorrad. Die Übernachtung kostet inklusive Frühstück ab 105 €.

Fotos: Frank Sachau

 

Über den AUTOR

Frank Sachau

Seit mehr als 30 Jahren ist Frank auf BMW GS-Modellen unterwegs zwischen Dänemark im Norden, der Toskana im Süden, den Pyrenäen im Westen und Polen im Osten. Zwischendurch führten die Reisen immer wieder in die Alpen: Zwischen Wien und Nizza blieb kein namhafter Pass unberührt. Und selbstverständlich kamen auch Deutschlands schönste Flecken unter die Räder.  

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