Giro Alto Adige

Südtirol – in der Landessprache Alto Adige – ist immer eine Motorradreise wert. Das idyllische Passeiertal, wo die Heimat von Andreas Hofer spürbar lebendig bleibt. Die Serpentinen des Jaufenpasses. Die raue Schönheit der Alpen bei der Auffahrt zum Penserjoch mit seinem atemberaubenden Panorama. Bozen mit seiner lebendigen Altstadt und das beschauliche Ultental mit seinen tiefgrünen Wäldern und glitzernden Seen sind die Zutaten einer unvergesslichen Tour. Ein Tag auf zwei Rädern, der Freiheit bedeutet.

Wer einmal in Südtirol war, möchte immer wieder dort hin. So bin ich im Juli 2024 zum sechsten Mal nach Südtirol gereist, um weitere Regionen zu erkunden. Südtirol mit seiner Hauptstadt Bozen ist die nördlichste Provinz Italiens und zugleich eine der wohlhabensten Gebiete Italiens. Über 50 % der Bevölkerung spricht deutsch mit einem angenehmen tiroler Akzent. Je weiter man Richtung Bozen kommt, desto mehr wird italienisch gesprochen. In Meran kann ich ganz ungeniert deutsch sprechen, in Bozen  reichen meine rudimentären Italienischkenntnisse aus, um mich zu verständigen.

Die Tour durch Südtirol mit Start und Ziel in Schlanders und zwei über 2.000 Meter hohe Pässe. 

Eine Wettergarantie gibt es freilich nicht, aber die Chance auf herrliches Wetter ist sehr hoch. Schließlich zählt Südtirol zu den niederschlagärmsten Regionen Italiens und die Sonnenscheinwahrscheinlichkeit ist beachtlich hoch. Weit über die Region bekannt sind die leckeren Südtiroler Äpfel. Südtirol ist der größte Bio-Apfel-Lieferant Europas.
Ich starte meine Tour in Schlanders im schönen Vinschgau. Schlanders ist die größte Ortschaft und zugleich Hauptort des Vinschgaus. Ich residiere im MoHo Bio-Landhotel Anna. Das Hotel bietet alles, was das Motorradfahrerherz begehrt. Ein kräftiges, reichhaltiges Frühstück für einen hervorragenden Start in den Tourtag. Nach der Tour verwöhnt mich das hausinterne Restaurant mit herzhafter, regionaler Küche. Mein Motorrad steht derweil gut geschützt im überdachten Anbau. Eine kleine Schrauberecke mit Werkzeug für kleinere Reparaturen, Visierreinigungsstation und – wer es braucht – ein Batterieladegerät sowie ein Waschplatz für das Bike stehen kostenfrei zur Verfügung. So kann am nächsten Morgen ganz entspannt die nächste Tour gestartet werden.
Die Sonne lacht schon früh am Tag und es ist angenehm warm. Rund 300 Kilometer Fahrtstrecke liegen vor mir. Die ersten 40 Kilometer auf der SS38 führen mich durch das Vinschgau (ital. Val Venosta). Die Etsch (ital. Adige) begleitet mich dabei rechtsseitig bis Meran. Die Etsch ist der zweitlängste Fluss Italiens, entspringt in den Bergen Südtirols und mündet nach rund 400 Kilometern in die Adria.

Kastelbell (Castelbello) mit seinem gleichnamigen Schloss liegt im Herzen des Vinschgaus.

Blick auf St. Leonhard in Passeier, der Geburtsstadt Andreas Hofers, auf dem Weg zum Jaufenpass.

Meran durchfahre ich relativ zügig. Einen  Stopp habe ich erst bei der Rückfahrt eingeplant. Ich biege ab auf die SS44, die sich mit sanften Kurven durch das Passeiertal schlängelt. Etwa auf halben Weg zwischen Meran und St. Leonhard in Passeier befindet sich der Passeier Wasserfall. Ich biege links ab nach Neuhaus (Ponte Clava). Am Ortsende befindet sich in einem kleinen Waldstück ein Parkplatz. Von dort sind es fußläufig rund fünf Minuten bis zum Wasserfall. Die 48 Meter Fallhöhe sind beeindruckend und man darf dort auch baden. Nach einem kurzen Aufenthalt am Wasserfall fahre ich zügig weiter nach St. Leonhard in Passeier. Von hier zweigt die Passstraße zum Jaufenpass und die Timmelsjoch-Passstraße ab. St. Leonhard in Passeier ist die Geburtsstadt von Andreas Hofer (1767 – 1810), dem Freiheitskämpfer, der sich gegen die bayrische und französische Besetzung seiner Heimat zur Wehr setzte. Andreas Hofer wurde 1810 auf Anordnung Napoleons hingerichtet. Er gilt auch heute noch als Volksheld, was zahlreiche Denkmäler in Südtirol belegen.
Der Jaufenpass (ital. Passo Giovo) ist die kürzestes Verbindung zwischen Meran und Sterzing. Wer viele Kurven liebt, fährt den Jaufenpass. Die Passstraße ist extrem kurvenreich und bis Sterzing mit 20 Spitzkehren gespickt. Nach der Auffahrt bis zur Passhöhe auf 2.094 Metern lege ich eine Pause ein. Das Alpenpanorama darf ich mir nicht entgehen lassen. Die Edelweißhütte auf der Passhöhe ist ein Hotspot für Motorradfahrer. Hier treffen sich viele Motorradfahrer für angeregte Benzingespräche. Es gibt vermutlich kein Tag, an dem kein Motorrad vor der Edelweißhütte parkt – außer in der Wintersperre von Mitte Dezember bis Anfang Mai.

Die Edelweißhütte auf der Passhöhe des Jaufenpasses ist ein beliebter Motorradfahrer-Treffpunkt.

Spektakuläre Felsformation auf der SS508 auf dem Weg zum Penserjoch.

Blick von der Passhöhe des Penserjochs.  Das Penserjoch ist sehr schneeanfällig und meist bis Ende Mai gesperrt.

Ganze 36 Kilometer Kurven satt mit unglaublichen Ausblicken auf die Bergwelt habe ich hinter mir, als ich Sterzing erreiche. In Sterzing gibt es zwei Varianten um nach Bozen zu kommen. Die unspektakuläre Variante verläuft entlang der Autobahn A22 über Brixen. Die wesentlich reizvollere Variante führt über das Penser Joch (ital. Passo di Pennes). Ich wähle Variante zwei: 70 Kilometer sanft geschwungene Kurven, zerklüftete Felsformationen und immer wieder fantastische Ausblicke auf die Sarntaler Alpen. Die SS508 zum Penser Joch wurde erst in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus militärstrategischen Gründen erbaut und ist auch mit einer Wintersperre, genauso wie der Jaufenpass, belegt.
Auf der Passhöhe auf 2.211 Metern angekommen, parke ich mein Motorrad beim Gasthaus Alpenrosenhof. Auch hier, genau wie auf der Passhöhe des Jaufenpasses, parken unzählige Motorräder. Dolcefarniente ist bei mir angesagt. Während ich einen Espresso genieße (mit Cappuccino nach 12 Uhr outet man sich als Tourist), läuft vor meinen Augen ein fast cineastisches Meisterwerk ab. Ein paar Wolken wechseln sich mit stahlblauem Himmel ab und tauchen die Landschaft vor mir in wechselnde Farben. Hier oben ist ein längerer Halt Pflicht. Zum zügigen Durchfahren der Passhöhe ist diese jedenfalls zu schade und man verpasst definitv etwas.

Auf der Passhöhe des Penserjochs bietet sich ein fantastisches Alpenpanorama. Im Alpenrosenhof kann man sich stärken.  

Stellvertretend für die vielen Felsformationen hier ein schönes Exemplar an der SS508 zwischen Penserjoch und Bozen.

Bis zur Universitätsstadt Bozen (ital. Bolzano) führt die Straße 40 Kilometer mehr oder weniger bergab. Mir entgegenkommende Motorradfahrer grüßen eher selten mit der Linken, denn in Italien kann das einhändige Fahren mit einer saftigen Strafe geahndet werden. Etwas mehr als 100.000 Einwohner zählt die Stadt Bozen. Ich unternehme mit meinem Motorrad eine kleine Rundfahrt durch die Stadt. Einfach drauflos fahren ohne ein besonderes Ziel vor Augen. Hier pulsiert das typische italienische Dolce Vita. Viele Cafés, enge Straßenzüge, prachtvolle Monumentbauten und Laubengänge beherrschen im Stadtkern das Stadtbild.
Nachdem ich eine Weile ziellos durch Bozen gefahren bin, halte ich am Monumento alla Vittoria (Siegesdenkmal) am Siegesplatz an. Das Siegesdenkmal beherbergt in den unterirdischen Räumen ein Museum zur Bozener und Südtiroler Geschichte. Der Eintritt zum Museum ist kostenlos. Hier direkt am Platz habe ich einen kleinen Imbiss entdeckt – Zeit für einen Snack. Die Parkplatzsuche gestaltet sich selbst mit dem Motorrad allerdings etwas schwierig. Bei manchen scheinbar freien Parkplätzen ist der Bordstein schwarz-gelb markiert: absolutes Parkverbot. Blaue Linien auf dem Boden weisen einen gebührenpflichtigen Parkplatz aus. Gelb markierte Parkflächen sind nur für Taxis, Busse, Schwerbehinderte oder Anlieger vorgesehen. Bei weißen Linien ist kostenloses Parken erlaubt. Nach kurzer Wartezeit finde ich einen mit weißen Linien markierten Parkplatz – der „Vorbesitzer“ fährt gerade weg.

Das Monumento alla Vittoria (Siegesdenkmal) in Bozen mit einem unterirdischen Museum und kostenlosem Eintritt. 

Das Schloss Braunsberg in Lana am Eingang zum Ultental ist in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden.

Mein bisschen Italienisch reicht aus, um mir eine pizza margherita und ein acqua con gas zu bestellen. Wie schon erwähnt, wird in Bozen überwiegend italienisch gesprochen. Dank Garmins Zumo XT finde ich zügig wieder aus Bozen heraus. Ich befinde mich nun wieder auf der SS38 und erreiche nach  20 Kilometern den schönen Ort Lana. Armin Zöggeler, ehemaliger Rennrodler, zweifacher Olympiasieger und sechsfacher Weltmeister, stammt aus Lana.
Etwas oberhalb von Lana befindet sich das Wahrzeichen Lanas: Das Schloss Braunsberg, welches sich majestätisch auf einem Felsvorsprung über der Gaulschlucht erhebt. Vermutlich wurde die Burganlage im 13. Jahrhundert erbaut. Das Schloss ist heute in Privatbesitz und kann von innen leider nicht besichtigt werden. Schade eigentlich, aber für einen kurzen Fotostopp halte ich direkt vor dem Eingangstor in einer schmalen Haltebucht.
Über fünf Spitzkehren erreiche ich die gut 30 Kilometer lange Straße durch das Ultental – meinem vorletzten Point of Interest des Tages. Vorbei am Pankrazer und Zoggler Stausee, erreiche ich über die sich durch das Tal schlängelnde Straße St. Gertraud. Hier habe ich das Gefühl, fernab der Zivilisation zu sein. Gerade mal 200 Einwohner zählt St. Gertraud. Hier geht es auch nicht weiter, zumindest nicht mit dem Motorrad – denn hier beginnt der Nationalpark Stilfserjoch, eines der größten Naturschutzgebiete Europas.
Ich schwinge durch die Kurven zurück nach Lana und erreiche wieder die SS28, die mich nach Meran führt. Meran, ein Kurort, zählt etwas über 37.000 Einwohner und überzeugt im Stadtkern mit schönen Bauten. Die Passer, die am Timmelsjoch entspringt, mündet hier in die Etsch. Die Brücken, die die Passer überspannen, sind schön anzuschauen und bieten zusammen mit der Passer ein Postkartenmotiv erster Klasse. Wer bei dieser Tour noch Zeit hat, sollte das bekannte Schloss Trauttmannsdorff mit seinem botanischen Garten besichtigen. Wenn nicht, dann einfach wiederkommen. Im Schloss Trauttmannsdorff kurte 1870 Kaiserin Elisabeth (Sissi), weswegen es auch einen Sissi-Weg von der Meraner Kurpromenade dorhin gibt.

Der Zoggler See ist der größte von sechs Stauseen im  Ultental und dient dem Hochwasserschutz sowie der Stromgewinnung. 

Eine Augenweide in Sachen Brücken: In Meran überspannt unter anderem die Postbrücke die Passer.

Dann ist es langsam an der Zeit, mich auf den Weg zurück zum Hotel Anna zu machen. Über die SS28, die ich am Vormittag schon gefahren bin, erreiche nach 30 Kilometern wieder Schlanders und das Bio-Hotel Anna.
Das Abendessen wird bei angenehmen Temperaturen im Freien serviert. Beim Bio-Hotel Anna gibt es im Restaurant eine Besonderheit, die Schule machen sollte: Auf den Tellern wird beim Abendessen nur wenig aufgelegt. Das vermeidet, dass nicht verzehrtes Essen weggeworfen werden muss. Ein oder auch zwei Nachschläge sind jederzeit möglich und kosten nicht mehr. Mir hat das dreigängige Abendmenu allerdings ohne Nachschlag gereicht.

Fakten zur Tour

Länge: 300 Kilometer
Kalkulierte Fahrtzeit ohne Pausen und Besichtigungen: 5 Stunden
Calimoto-Kurvenlevel: 103
Tankstellen-Infrastruktur: Sehr gut
Kioske und Wirtshäuser: Edelweißhütte
Passhöhe Jaufenpass; Alpenrosenhof Passhöhe Penser Joch; diverse Café und Imbisse in Bozen und Meran.
Empfohlene Reisezeit: Ende Juni – Ende September

Wer die Tour auch mal fahren möchte, kann sich gerne auf Anfrage bei mir die GPX-Datei für’s Navi schicken lassen. Einfach eine Mail an: info@bmm-magazin.de. Der Service ist natürlich kostenlos.

Die bmm-Hotelempfehlung

Bio-Landhotel Anna • Hauptstrasse 27 • I-39028 Schlanders
Das MoHo-Motorradhotel liegt im oberen Stadtkern von Schlanders. MoHo-klassifiziert mit fünf Helmen, der höchsten Kategorie. Übernachtung mit reichhaltigem Frühstücksbuffet für einen hervorragenden Start in den Tag und optionaler, landestypischer Halbpension. Die Zimmer sind mit Balkon oder Terrasse ausgestattet. Ein großer Garten mit Sitzmöglichkeit lädt zum Entspannen ein. Überdachter Motorrad-Abstellplatz neben dem Haus. Die Gas(t)geber-Familie Vill betreibt zudem ein BMW-Motorrad Testcenter. Wer mag, kann auch mit einem der neuesten BMW-Modellen seine Tour fahren.

MoHo-Tourenkarte inklusive Merchandising bei Buchung über MoHo gibt es gratis dazu.
www.vill.it
moho.info