Einmal Mittelmeer und zurück

Dem Grau in Deutschland entfliehen, wieder mal das Meer sehen, dazu Berge und leere Straßen durch nun größtenteils verschlafene Dörfer. Dazu lädt Südfrankreich die Motorradfahrer im November ein.

Tatsächlich sind die Wetteraussichten für die kommenden Tage bestens: 14 – 20 Grad am Tage mit viel Sonne, wie mir mein Gastgeber Jochen Ehlers von Endurofuntours mitteilt. Da bei mir daheim typisches Novemberwetter mit Nebel und Regen bei max 8 Grad vorherrscht, bepacke ich nicht direkt meine Berta (BMW GS 750 Dakar), sondern alles samt Motorrad in meinen Van. Ich durchquere den Norden Frankreichs auf der mautpflichtigen Autobahn und verlasse diese guter Dinge, denn mein Navi verspricht eine pünktliche Ankunft um 18 Uhr. Doch mit „Feierabendverkehr“, der sich vor den Kreiseln staut, die sich gefühlt wie eine Kette aneinanderreihen, hat mein Navi wohl nicht gerechnet. Dann die ersten Kurven die Berge rauf und ich bekomme einen Vorgeschmack, was mich die nächsten Tage erwartet. Inzwischen ist es dunkel, fast 19 Uhr und es rächt sich, dass ich nur den Ort und nicht die genaue Adresse eingegeben habe. Alles duster und kein Straßenname zu sehen, schließlich ein Plätzchen, auf dem ich halten kann, als es auch schon an der Scheibe klopft. „Bonjour“ ruft Jochen fröhlich, der mich schon erwartet hat. Tatsächlich stehe ich knapp 100 Meter vor dem Hotel Europa, meinem Ziel und Treffpunkt: Das fängt doch gut an!

Fallert Achern Team

Das Wahrzeichen der Ardèche: die natürliche Steinbrücke Pont d’Arc. Sie ist 54 Meter hoch und 60 Meter lang.

Erkundung der Ardèche

Heute wird die Ardèche erkundet, dies ist nicht nur das Departement in der Region Auvergne Rhône Alpes in der sich der Ort Joyeuse befindet, sondern auch der Fluss, welcher sich namensgebend durch das Land gegraben hat.Es geht in Richtung Labeaume. Doch bei Les Granges hupt es und ich sehe hinter mir zwei Polizisten. Also bleibe ich stehen, die Polizisten auch. Es wird kurz palavert und schließlich erschallt ein „Bonne route“, was wohl so viel bedeuten soll, dass wir weiterfahren dürfen.
So erreichen wir etwas verspätet den Sackgassenort Labeaume, welcher sich malerisch neben der Brücke über die Beaume erhebt. An dem großen Parkplatz, als auch daran, dass das Örtchen zu den schönsten Dörfern Frankreichs (seit 1998 führt es den Titel „Village de caractère“) gehört, erkennt man, dass hier im Sommer der Bär steppt. Nun ist es fast ausgestorben, es fehlt nur noch der rollende Ginsterbusch, der über den Platz kullert. Im Flussbett sind noch Reste der letzten Überflutung zu erkennen. Dies ist nichts Ungewöhnliches in der Region, in der Flüsse an jeder Ecke zu finden sind, Wasser sogar an den Straßenrändern aus den Felsen zu strömen scheint und tatsächlich fast jeder kleine Hof eine eigene „Quelle“ hat. Doch man hat sich darauf eingestellt. Fast alle Brücken der Region haben keine Geländer, damit dort nichts hängen bleiben kann.
Nach einem kurzen Blick über die Ardèche auf Roums wird das Örtchen links liegen gelassen. Durch Saint Alban Auriolles hindurch, wo das Familienhaus des frz. Schriftsteller Alphonse Daudet (1840 – 1897) zu finden ist und inzwischen ein Museum inkl. Parkanlage beherbergt.
Angekommen in Vallon-Pont-d’Arc geht es auf die sagenumwobene D 290, um der Ardèche zu folgen. Es häufen sich gelbe Warnhinweisschilder, dass die Straße gesperrt sei, aber manchmal kann man sich mit einem Zweirad durchmogeln, also versuchen wir unser Glück.
Doch eine Sprengung macht die Straße unpassierbar und die Umkehr notwendig, um der Umleitung zu folgen. Belohnt durch ein paar schöne Kurven hinauf bis zur Grotte Chauvot 2, die sich auf dem Weg nach Saint Remèze befindet, ist dies nur halb so schlimm. Die Höhle selbst ist auch einen Besuch wert, allein die Geschichte des Nachbaues einer bis in die 90er Jahre unentdeckten Höhle mit dadurch größtenteils unversehrten Höhlenmalereien ist beeindruckend.
In Saint Remèze befindet sich ein Lavendelmuseum, doch November scheint nicht der passende Monat für einen Besuch. Stattdessen wäre eine Tankstelle angebracht, doch die einfachen zwei  Zapfsäulen mit einem Automaten, wie man sie im ländlichen Frankreich öfter vorfindet, möchte keine Karte akzeptieren. Also Routenänderung nach Bourg Saint Andeol zum Tanken. Danach folgen wir ein Stück der Rhône, bevor wir in Saint Martin d’Ardèche unsere geplante Strecke aus der Gegenrichtung in Angriff nehmen.
Es erwartet uns eine frisch geteerte Straße, auf der wir scheinbar allein unterwegs sind. Die Kurven grandios, die Aussicht atemberaubend, doch die nun am späten Nachmittag tief stehende Sonne macht die Strecke noch gefährlicher. Richtig genießen kann man die Landschaft mit der Schlucht, welche sich die Ardèche gegraben hat, auf den vielen Park- und Rastplätzen an der Straße.

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Eine geländerlose, 100 Jahre alte Steinbrücke führt über den Fluss Beaume in das kleine Örtchen Labeaume mit seinem historischen Ortskern.

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Aussichten von der D290 auf die Schlucht der Ardèche.

Tour ans Mittelmeer

Nach der Erkundung des Umlandes folgt ein Ausflug ans Mittelmeer. Dafür wird Berta nun doch bepackt, allerdings nur mit dem Nötigsten für eine Übernachtung.
Wir starten unsere Tour gen Süden auf den bekannten kleinen kurvigen Straßen mit einem ersten Stopp in Lussan, welches schon im Nachbardepartment Gard, in der Region Okzitanien liegt. Dort liegt unser erstes Ziel, die versteckte protestantische Kirche, welche auch ein Relikt der ersten Kirche verwahrt. Im davorliegenden Garten treffen wir die schottische Gastgeberin. Das Gelände wird nun merklich flacher und fahrerisch nicht mehr ganz so aufregend, stattdessen nimmt die Größe der Ortschaften und dessen Belebtheit zu. 

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Auffahrt nach Lussan im Départment Gard. Im hier zu sehenden Schloss ist der Sitz des Rathauses des rund 500 Einwohner kleinen Dorfes. 

Die Mittagspause in der Altstadt von Uzès lädt zum Beobachten des Treibens ein, bevor wir die Durchquerung von Nîmes, der Hauptstadt des Departments Gard, in Angriff nehmen. Wir streben weiter dem Meer entgegen, nach Saintes-Maries-De-La-Mer, einem Ort, der in mir Erinnerungen an eine Jugendfreizeit hochkommen lässt. Im Department Bouches-du-Rhone, einem Teil der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) gelegen, gehören zu der Gemeinde weitläufige Naturschutzgebiete an der Rhônemündung im regionalen Naturpark Camargue. Vom Tourismus geprägt tummeln sich auch im November die Menschen auf der Promenade. Auch wir gesellen uns dazu und sagen dem Mittelmeer „Hallo“ und können sogar neben den Flaneuren noch Badegäste entdecken.
Zurück ins Gard, wo wir in Aigues-Mortes, nicht nur für uns, sondern auch für unsere Motorräder eine Unterkunft innerhalb der vollständig erhaltenen Stadtmauer gebucht haben. Im Abendlicht erscheint diese fast übermächtig, doch wir wagen uns hinein, nur haben wir im Einbahnstraßengewirr unsere Schwierigkeiten, das Hotel St. Louis zu finden. Es muss in der „Fußgängerzone“ liegen! Aber da wir ja angemeldet sind und somit Anlieger, wagen wir uns durch die abendlichen Spaziergänger. Im Hotel angekommen, erkennen wir den Fehler in der Sprache: Ein „Bike“ ist halt kein „Moto“. Trotzdem dürfen wir in der Fahrradgarage unsere Zweiräder sicher unterstellen und dann durchs nächtliche Aigues-Mortes nach dem Abendessen fahnden. Die Auswahl ist groß und wird nur begrenzt durch voll belegte Lokale.
Der nächste Morgen wartet diesmal nicht mit Sonnenschein auf und soll Regen bringen. Also Beeilung, denn wir wollen noch mit den Motorrädern am Meer entlang Richtung Westen. Der nahen Saline mit ihrem riesigen Salzberg im teilweise rosa anmutenden Wasser geben wir noch einen langen Blick und auch den Rosaflamingos, die sich hier an der Küste tummeln. Etwas skurril ist auch der Küstenort La Grande-Motte, welcher am architektonischen Reißbrett in den 60er Jahren entstanden ist. In Palavas-les-Flots verabschieden wir uns vom Mittelmeer und ziehen in Richtung Norden ab.
Diesmal müssen wir durch Montpellier und ich entscheide mich dem Navi zu folgen, anstatt der Beschilderung. Dies funktioniert so gut, dass ich die letzte Tankstelle verpasse. Zum Glück reicht der Sprit noch bis Ganges, so machen wir dort Halt, bevor wir uns nach Westen wenden, um eine Schleife über den Cirque de Navacelles zu ziehen. Diese landschaftliche Sehenswürdigkeit, bestehend aus einer 300m tiefen durch Erosion entstandenen Karformation mit dem kleinen Ort in der Mitte, ist eine Reise wert, obwohl die Serpentinen herunter gerade frisch mit Rollsplitt bestreut wurden. Dass der Aufstieg dann frei von dieser Maßnahme geblieben ist, mag daran liegen, dass dieser im Département Hérault gelegen ist.
Eigentlich sollte der Mont Aigoual, im Norden vom Cirque gelegen mit auf die heutige Route. Doch das Meer verschlang die Zeit und wir nehmen ein paar kleine kurvige Bergstraßen, sowie ein Heißgetränk auf einer Terrasse in Anduze, auf dem Rückweg über Alès nach Joyeuse.

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Die Strandpromenade in St. Maries de la mer.

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Die beeindruckende Stadtmauer von Aigues Mortes am späten Nachmittag.

Bergbesteigung

Die gestern verpasste Bergbesteigung holen wir heute etwas nördlicher in den Cevennen nach und besuchen zuerst den Col de Meyrand. Dort gibt es eine Aussichtsplattform auf 1.300 m Höhe, die eine grandiose Weitsicht inkl. Infotafeln über die weiteren Ziele beschert. Zunächst geht es weiter nach Borne über eine dem Schild nach „gefährliche Straße“, die sich als herrliches Sträßchen durch die Schlucht entpuppt. Eine kleine Pause gibt es in St. Etienne de Lugdares, wo wir eine offene Brasserie vorfinden. Da dies in der Region eher rar ist, nehmen wir im Sonnenschein Platz. Nach der Stärkung verlassen wir die Ardèche und wechseln nicht nur in das Department Lozère, sondern erklimmen auch dessen Plateau. Dazu kommen wir durch das schöne mittelalterliche Steindorf La Garde-Guérin, bevor es auf den höchsten Punkt der heutigen Tour geht, dem Col de Pré de la Dame mit knapp 1500m Höhe und ein wenig Schnee.
Auf dem Plateau bleibend verlassen wir den Asphalt und nehmen eine kleine Schotterpiste. Hier fühlt sich Berta in ihrem Element und es zeigen sich verwunschene bis romantische Plätze am Straßenrand, die zum Beine vertreten einladen. Nach ca. 30 Kilometern erreichen wir wieder besiedeltes Land und nehmen auf dem „Chemin de Robert Louis Stevenson“ gelegenen Le Pont-de-Montvert einen Snack zu uns.
Es geht weiter abwärts auf kleinen Straßen in wilden Kurven über Vialas, Génolhac, Saint-André-Capcèze und Le Vans zurück nach Joyeuse. So erreichen wir etwas durchgefroren, denn inzwischen ist es wirklich dunkel geworden, das Hotel Europa. Hier wird sich bei einem letzten guten Abendmahl aufgewärmt, bevor es wieder in den grauen Norden geht.
Spätestens jetzt ist mir klar, dass ich wiederkommen muss. Und das nächste mal kommt Horst mit, meine kleine Honda CRF 250 L, mit der sich die kleinen Offroadstraßen, die sich hier durch das Gelände ziehen auf einer ENDUROFUN TOUR erkunden lassen. Denn bei Jochen in der Garage gab es dazu die passenden Freunde zum Leihen: Yamaha WR 250 F.
Tatsächlich durfte ich davon auch mal eine Probe fahren, was eine Menge Spaß bereitet hat, aber das ist eine andere Geschichte.

Text: Britta Bremer; Foto : Jochen Ehlers, www.endurofuntours.com

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Eine kurze Pause an einem idyllischem Plätzchen auf dem Plateau im Département Lozère.

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Anfang und Ende vieler Touren durch die Gegend: das Hotel Europa am Abend.